Arcam AV-Receiver im Überblick

In Anbetracht der vierzigjährigen Firmengeschichte ist es sicherlich nicht ganz angemessen den Hersteller Arcam als Geheimtipp zu handeln und doch gibt es wohl durchaus einige AV-Interessierte, die das britische Unternehmen bisher noch nicht auf dem Schirm haben. Und so ist die kürzlich vorgestellte High-End Vorstufe AV860 nur ein guter Grund mehr das aktuelle AV-Programm von Arcam einmal unter die Lupe zu nehmen. Als Fotomodell stand uns für diesen Beitrag ein AVR550 zur Verfügung.

Der Arcam AVR550 in unserer Vorführung

Kurze Firmenhistorie

Die Firma Arcam – eigentlich Amplification and Recording Cambridge – wurde 1976 von John Dawson in der Nähe von Cambridge, England gegründet, nachdem dieser im Rahmen seines Studiums bereits einige Erfahrung mit dem Bau von Musikwiedergabe-Systemen gesammelt hatte. Gleich das erste offizielle Serienprodukt des jungen Unternehmens, der Vollverstärker A60, wurde ein echter Erfolg und in den kommenden Jahren verließen insgesamt 30.000 Exemplare die Fertigung. Gut eine Dekade später war es dann das Arcam Team, das mit dem „Delta Black Box“ den ersten separaten DAC für CD-Player baute und damit eine neue Gerätekategorie begründete, die heute wahrscheinlich so relevant wie noch nie ist. Zu den HiFi-Komponenten gesellten sich in Laufe der Zeit auch verschiedene AV-Systeme, wobei der ursprüngliche audiophile Anspruch auch bei diesen Entwicklungen niemals über Bord geworfen wurde. Daran hat sich bis heute nichts geändert und so ist es kein Wunder, dass Arcams AV-Technik immer wieder ausdrücklich auch für ihre klanglichen Qualitäten gelobt wird.

Die AV-Receiver – AVR390, AVR550 und AVR850

Zunächst wollen wir unser Augenmerk auf die aktuellen AV-Receiver aus dem Hause Arcam richten. Wir orientieren uns hier vorrangig am AVR850, da sowohl die beiden kleineren Varianten – der AVR550 erschien zeitgleich mit dem Topmodell im letzten Jahr, der kleinere AVR390 folgte in 2016 – als auch die Vorstufe AV860 auf dem großen Arcam Receiver basieren. Die relevanten Unterschiede zwischen den Geräten werden uns am Ende beschäftigen.

Zunächst ist zu bemerken, dass der Arcam AVR850 optisch und haptisch einen sehr guten Eindruck macht. Die Metallfront unterstreicht die offensichtlich wertige Verarbeitung des Receivers, das stolze Gewicht von 16,3 kg verspricht solide und hochwertige Komponenten. Das Design ist auf das Wesentliche reduziert und schlicht gehalten – eine Absage an unnötigen Schnickschnack. Interessant ist insbesondere bei AV-Receivern natürlich immer auch die Geräterückseite, da hier der gebotene Funktionsumfang schon einmal grob abgeschätzt werden kann:

Hochwertige Verarbeitung: Der Arcam AVR550

Mit insgesamt sieben HDMI 2.0a Eingängen inklusive HDCP 2.2 sowie drei Ausgängen (inklusive ARC und einer 2-Zonen Option) sollten für alle herkömmlichen Setups mehr als ausreichend Anschlussmöglichkeiten vorhanden sein. Dabei sind die Eingangsbezeichnungen „GAME“, „BD“ etc. ausdrücklich nur als Orientierungsangebot zu verstehen – die HDMI-Inputs des verbauten Video-Boards sind allesamt identisch. Darüber hinaus gibt es sechs digitale Audio-Schnittstellen (4 x koaxial, 2 x TOSLINK), einen USB-Eingang zum Anschluss von Massenspeichern (USB-Stick, Festplatte) sowie eine Ethernet-Buchse, um den AVR850 ins heimische Netzwerk einzubinden – ein WLAN-Modul wurde nicht integriert. Selbstverständlich lässt sich der Arcam Receiver auch auf analogem Wege mit Audio-Signalen füttern. Hierfür stehen noch einmal sechs Cinch-Inputs bereit, hinzu kommt eine UKW/DAB-Antennenbuchse.

Ausgangsseitig haben wir es mit insgesamt sieben Lautsprecherterminals zu tun, die gleichsam sieben integrierte Endstufen repräsentieren – diese arbeiten nach dem sogenannten Class G Prinzip. Damit bezeichnet Arcam eine selbst entwickelte Technologie, die je nach Leistungsanforderung flexibel zwischen Class A und Class AB Betrieb umschalten kann. Was sich hinter diesen Begriffen im Detail verbirgt, haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich behandelt. Hier lediglich so viel: Die Arcam Schaltung bietet einen sehr guten Kompromiss zwischen höchster Klangqualität und – wenn nötig – effizienter und leistungsstarker Wiedergabe. Zusätzlich verfügt der AVR850 über diverse Preamp-Outs im Cinch-Format, um externe Leistungsverstärker oder aktive Lautsprecher einzubinden. Dabei werden einerseits die bereits genannten Surround-Kanäle gedoppelt, des Weiteren können zwei Subwoofer sowie maximal vier Höhenlautsprecher – Arcam unterstützt die beiden wichtigsten 3D-Surroundformate Dolby Atmos und DTS:X – mit Signalen versorgt werden. Zudem steht ein Stereo-Pre-Out für die zweite Zone zur Verfügung.

Gedruckte Anleitung, gute Fernbedienung und das Einmessmikrofon für Dirac Live

Damit wären wir im Grunde schon bei den möglichen Anwendungsszenarien der Arcam Receiver angelangt. Zunächst lässt sich natürlich ein klassisches 5.1- bzw. 7.1-Setup realisieren, gegebenenfalls kann ein zweiter Subwoofer hinzugefügt werden. Wenn lediglich fünf Kanäle für Rundum-Sound sorgen, können die zwei übrigen Verstärkerstufen entweder ein Paar Stereolautsprecher in einer zweiten Zone oder aber Höhenlautsprecher ansteuern. Werden alle sieben Endstufen des Arcam AVR850 bereits für die Fläche verwendet, stehen immer noch die Preamp-Outs Height 1 & 2 zur Verfügung, um maximal vier Deckenlautsprecher über separate Verstärker zu betreiben. Weiterhin ist es dank der Preamp-Out Sektion natürlich theoretisch auch möglich die Endstufen völlig zu umgehen.

Im direkten Vergleich mit einigen Konkurrenten mag man das Gefühl bekommen, dass diese bisweilen noch mehr Flexibilität bieten – zum Beispiel mehr Endstufen, weitere Zonen-Optionen, analoge Video-Ein- und Ausgänge oder Bluetooth/Wi-Fi Funktionalität. Ähnliches gilt für die vergleichsweise rudimentäre Streaming-Integration sowie die Tatsache, dass der Arcam Receiver zwar ohne Probleme High Resolution Heimkino-Ton in den üblichen Formaten verarbeitet, aber beim Abspielen ganz normaler Stereo-Dateien bei 48 kHz/24 Bit Schluss macht. Auf der anderen Seite sind die AV-Kernfunktionen in absolut bestechender Qualität umgesetzt, sodass der Arcam Receiver in dieser Hinsicht einen Großteil der Konkurrenz auf die Plätze verweisen kann. Hier gilt es einfach abzuwägen.

Beherrscht auch Dolby Atmos und DTS:X Der Arcam AVR550

Dirac Live

Stichwort „bestechende Qualität“: Unbedingt zu erwähnen ist natürlich auch das Einmess-System Dirac Live, das eindeutig in die Kategorie High-End fällt. Die Software bietet eine komplexe und präzise Einmessung und fördert dementsprechend sehr gute Ergebnisse zu Tage. Gleichzeitig ist der Weg dorthin etwas beschwerlicher als bei der Konkurrenz: So ist zum Beispiel ein Windows- oder Mac-Computer unerlässlich, da die Dirac Live Software externe Rechenpower benötigt, um die aufwendigen Korrekturberechnungen von Frequenzgang, Laufzeit und Phasenlage durchzuführen. Receiver und Computer müssen sich für den Datenaustausch im selben Netzwerk befinden. Ein klarer Vorteil dieser Methode ist die bessere Übersicht am Rechner. Man bekommt einen guten und strukturierten Überblick über der Ergebnisse der automatischen Messung und kann anschließend manuelles Fein-Tuning vornehmen.

Unterschiede

Die Unterschiede zwischen den drei Modellen AVR390, AVR550 und AVR850 betreffen insbesondere die verbaute Endstufentechnik. Die oben erwähnte Class G Schaltung ist lediglich dem Spitzenmodell vorbehalten, die beiden kleineren Modelle arbeiten im Class AB Betrieb und verfügen über geringere Leistungsreserven. Eins ändert dies nicht: Entsprechend ihrer Preisklasse klingen die Modelle nach wie vor erstklassig. Des Weiteren hat Arcam beispielsweise auf luxuriöse Extras wie die vergoldeten Lautsprecher-Terminals des AVR850 verzichtet und stattdessen solide Standardware verbaut. Insgesamt handelt es sich ausschließlich um Veränderungen der technischen Architektur, der Funktionsumfang und auch das Einmess-System hat Arcam erfreulicherweise nicht angetastet.

Das unverwechselbare Arcam Design

Die Vorstufe – AV860

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die brandneue Arcam AV-Vorstufe AV860. Ganz ähnlich wie bei den AV-Receivern ist der Funktionsumfang im Grunde identisch, allerdings eröffnet der Verzicht auf die Endstufen-Sektion und die Ausstattung mit hochwertigen, symmetrischen XLR-Buchsen einen neuen Horizont: Die Option bei der Zusammenstellung eines Heimkino-Setups mit separaten Endstufenlösungen zu operieren bedeutet nicht nur eine deutlich größere Flexibilität, sondern ermöglicht auch leistungsstarke Systeme, die weit über das Potenzial eines vollständig integrierten AV-Receivers hinausgehen.

Schlussgedanken

Das AV-Programm von Arcam setzt sich aufgrund der anderen Prioritätensetzung von den großen Herstellern ab. Der ziemlich kompromisslose Fokus auf Klangqualität ist hier besonders bemerkenswert (und hörbar), die Implementierung der Einmess-Software Dirac Live unterstreicht diesen Anspruch. Diese Qualitäten sind jedoch nicht völlig ohne Kompromisse zu haben, auf ein paar Ausstattungsmerkmale muss man verzichten. Es handelt sich bei den Arcam Geräten eben weniger um Allrounder mit tiefer App-Integration und unendlichen Streaming-Optionen als vielmehr um echte Heimkino-Arbeitstiere.

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.