Loudness War – warum alte CDs oftmals besser klingen

Sie kennen die Enttäuschung doch sicher auch:

Sie haben sich eine aktuelle CD gekauft, z. B. eine Pop- oder Rock-Produkion, und hören sich die CD auf der Autobahn, auf dem Weg nach Hause im Auto schonmal an. Klingt ja eigentlich ganz gut, satte Bässe, voller Klang, ordentlich laut …

Endlich zu Hause angekommen wandert die CD als erstes in den hochwertigen CD-Player.

Was folgt ist oftmals die Ernüchterung. Statt einer sauberen Aufnahme mit ordentlicher Dynamik ertönt die gleiche CD daheim auf einmal Fad und kraftlos. Ist die Anlage im Auto vielleicht gar nicht so schlecht? Oder wird es Zeit, die Komponenten im Wohnzimmer zu tauschen?

Wahrscheinlich sind Sie ein Opfer des Loudness-Race der großen Plattenfirmen geworden.

Doch woher kommt dieses „Lautstärke-Wettrennen“? Die Dynamik-Kompression wird seit jeher bei der Musikproduktion eingesetzt. Die Dynamik umschreibt dabei den maximalen Lautstärkeunterschied zwischen der leisesten und der lautesten Passage.

Der Dynamikbereich eines klassischen Konzertes kann bis zu 60dB oder gar 70dB umfassen. Schallplatten können jedoch „nur“ eine maximale Dynamik von ca. 40 dB enthalten. Da die dB-Skala logarythmisch ist, entspricht ein  Wert von +10dB jeweils der doppelten Lautstärke. Während im Konzertsaal also Dynamiksprünge mit der 128-fachen Lautstärke der leisen Passagen möglich sind, kann die LP nur etwa die 16-fache Lautstärke der theoretisch leisesten  Passage wiedergeben.

Dadurch ist es bei einer LP-Pressung zwingend notwendig, die lautesten Passagen des Konzertes zu dämpfen und leiser wiederzugeben. Der Lautstärkeunterschied zwischen der leisesten- und der lautesten Stelle ist im Konzertsaal also wesentlich größer als am Plattenspieler daheim.

Erst durch die Einführung der CD mit 90dB Dynamikumfang war es möglich, ein klassisches Konzert unkomprimiert für den Heimanwender aufzuzeichnen. Eine sehr hohe Dynamik hat allerdings auch ihre Nachteile: Wenn man den maximalen Dynamikbereich einer CD voll ausreizen würde, müsste der Hörer regelmäßig die Lautstärke verändern. Ein leises Solo  wäre kaum höhrbar, so dass man zwangsläufig die Lautstärke aufdrehen würde. Das Tutti danach wäre dann plötzlich so laut, dass die Lautsprecher beschädigt werden könnten.

Den nächsten Schritt bei der Dynamik-Kompression ging der Hörfunk. Viele Menschen hören Radio „nebenbei“. Ob auf der Arbeit, beim Frühstück oder im Auto. Das Radio soll dabei am besten immer etwa gleich laut sein. Stellen Sie sich vor, sie würden ein Konzert mit voller Dynamik während der Autofahrt hören:
Aufgrund der Fahrgeräusche im Innenraum von rund 70db (typische Wert für einen Mittelklassewagen auf der Autobahn) würden Sie während einer leisen Passage den Pegel der Anlage auf mindestens 80dB einstellen, um die Musik gut hören zu können. Das anschließende Tutti würde dann allerdings theoretisch 130dB erreichen (was ihre Autolautsprecher nicht schaffen würden) und wäre damit etwa doppelt so laut, wie der zulässige Maximalpegel in einer Discothek. Zur Anmerkung: Die maximale Dynamik bei FM/UKW liegt bei ca. 50dB.

Während einer Autofahrt ist daher eine Dynamikkompression vorteilhaft, so dass die Radiosender gerne (und bisweilen massiv) davon gebrauch machen.

Zu Hause, im leisen Hörraum dagegen, lebt die Musik von der Dynamik. Wir hören bewusst Musik und oftmals deutlich leiser als im Auto. Zu guter Letzt möchten wir den Konzertbesuch beim hören daheim nachempfinden können. Und ein Geigen-Solo ist eben nicht genau so laut wie das folgende Tutti.
Da die Dynamikkomression inzwischen immer häufiger bereits bei der Musikproduktion vollzogen wird, gibt es auch immer mehr CDs, welche kaum mehr über Dynamik verfügen. Wie sich der immer massivere Einsatz der Dynamikkompression auswirkt, zeigt folgendes Video:

Glücklicherweise gibt es auch einige Labels, die sich dem Loudness-Race nicht anschließen und nach wie vor (fast) ausschließlich CDs mit hervorrageneder Klangqualität produzieren.
Dazu zählen unter Anderem:
Acoustic-musicExterner Link
ActmusicExterner Link
AlligatorExterner Link
BauerstudiosExterner Link
Chesky RecordsExterner Link
DivoxExterner Link
DramaticoExterner Link
ECM RecordsExterner Link
QuinlanroadExterner Link
StockfischExterner Link
TaximExterner Link
TelarcExterner Link
VolltonExterner Link
DMPExterner Link
Townhall RecordsExterner Link
Sugar HillsExterner Link

Sollten Sie noch weitere Labels kennen, die besonders hochwertige CDs produzieren, freuen wir uns auf Ihre Empfehlungen.

Kommentare (17) Schreibe einen Kommentar

  1. Das Video erklärt die Sache eigentlich besser als 1000 Worte. Und die Label-Liste ist eine gute Idee, aber was machen Leute die solche Unterschiede hören, aber nicht komplett auf audiophilen Jazz umsteigen wollen? Ständig prüfen, ob nicht die Computerspiel-Version besser klingt als die CD (wie bei Metallica: Death Magnetic) scheint mir keine Dauerlösung zu sein.

  2. Was tun, um CD-Qualität zu überprüfen?

    Ich habe mir dafür Napster abonniert – zusammen mit einem Sonos-System eine absolut praktische Lösung.
    Die Datenrate von 128 kbit/s entspricht zwar nicht gerade „high fidelity-Standards“, reicht aber vollkommen aus, um sich einen Eindruck der Aufnahmequalität zu verschaffen. Und bislang hat sich das Ganze wirklich gelohnt: 10€ / Monat, dafür eine große Musiksammlung und keine CD-Fehlkäufe mehr. Im Gegenteil – für die meisten Popaufnahmen reicht die Napster-Qualität sogar vollkommen aus. Bei wirklich komplexen, guten Aufnahmen kommt man natürlich nicht um den Kauf der CD umher – kann diese aber vorher wenigstens recht anständig „probehören“.

  3. Verwunderlich, dass MDG – Musikproduktion Dabringhaus und Grimm – (www.mdg.de) nicht auf Ihrer Liste steht. Produzieren seit über 30 Jahren Klassik allererster Sahne und haben hervorragende Mehrkanalaufnahmen, die durch eine 2+2+2 Wiedergabeaufstellung der Lautsprecher eine Hörplatz unabhängige dreidimensionale Wiedergabe erreichen. 2+2+2 gibt es auch bei DIVOX. Chesky empfiehlt eine ähnliche Lautsprecheraufstellung für seine Mehrkanalaufnahmen. Sollte Ihr Mehrkanalspezialist sich einmal mit beschäftigen, der Unterschied zwischen 5.1 und 2+2+2 ist so groß wie der zwischen Mono und Stereo.
    Gruß Helen

  4. Hallo,
    danke für den Artikel und das Video. Jetzt verstehe ich, was ich die ganze Zeit bei aktuellen CDs vermisst habe ohne es genau fassen zu können. Meine erste CD war „Heart over Mind“ von Jenifer Rush – damals war ich begeistert von eben der Dynamik ggü. der Schallplatte. Heute fehlt das definitv. Wie sieht das eigentlich bei MP3-Playern aus? Können die mit der CD wirklich mithalten?

  5. Hallo Peter,

    MP3-Player sind nicht per se „schlechter“ als CD-Spieler, es kommt aber auf zwei wichtige Punkte an, um einem MP3-Player eine hifidele Klangqualität zu entlocken.

    1. Nur verlustfreie Codecs sind wirklich „gute“ Codecs. Besonders der FLAC-Codec ist weit verbreitet. Ein guter MP3-Player sollte FLAC oder ALAC unterstützen (Free Lossless Audio Codec bzw. Apple Lossless Audio Codec). Ein MP3 mit niedriger Bitrate „vertuscht“ einige Informationen, die auf der Original-CD enthalten waren.

    2. Ein MP3-Player spielt nur so gut wie der D/A-Wandler. I-Pods kann man digital auslesen und einen externen D/A-Wandler einsetzen. Die Qualität hängt dann im wesentlichen von der Qualität des Wandlers ab. Eine Wadia- oder eine neue Denon-Dockingstation (ab 249€) sorgen hier für ein sehr gutes Klangergebnis. Ein DAC Magic von Cambridge Audio (428€) spielt auf dem Niveau eines vernünftigen CD-Spielers. Wer unbedingt einen iPod an eine High-End Anlage anschließen möchte und den besten D/A-Wandler sucht, sollte sich unbedingt den neuen Jitterfreien DAC von Naim anschauen. Allerdings sollte man dann direkt überlegen, eine intuitiv Fernbedienbare Wiedergabemöglichkeit in seine Anlage zu integrieren – etwa einen Sonos ZP90.
    Ein MP3-Player der via Adapterkabel über den Kopfhörerausgang angeschlossen wird klingt in den seltensten Fällen brilliant und dynamisch.

  6. CD’s der späten 80er und frühen 90er waren technisch zu einen hochwertig produziert, zum anderen auch gut abgemischt. Das Debütalbum von Jennifer Rush hat noch mehr Pfeffer als neuere Produktionen sofern die Anlage genug Reserven liefert.
    MP3 kann man auch entsprechend hochwertig einsetzen, zb 320kBits Fullstereo. Möchte mal den Normalmenschen treffen der in der Lage ist das vom ungepressten Material zu unterscheiden.

  7. 10 dB sind nicht das doppelte. Das doppelte wären 6 dB Amplitude bzw. 3 dB für die Leistung. 10 dB entsprächen dem 10 fachen oder 3.16 fachen.

  8. Ich kann die in jüngster Zeit von Linn Records herausgebrachten Hybrid-SACDs, deren CD-Spur nichts zu wünschen übrig läßt, nicht nur wegen der guten Dynamik empfehlen.

  9. Das mit der „Loudness“ ist, anderseits, ein Verkaufsbooster. Meine Beobachtung zeigt, das z.B. die SHM CD´s vom Altmeister Alan Parsons, einen unnatürlichen Pegelzuwachs haben.
    In Sammlerkreisen sind diese schon sehr begehrt, da die Auflage aus Japan wie immer „gering“ war. Kaufanreiz ist die „bessere“ Klangqualität.
    Ich finde es sehr bedenklich das selbst erfahrene Tonmeister auf dieser Welle reiten.
    Musik zu kaufen nur weil sie „ach so toll“ aufgenommen wurde, ist aber noch schlimmer.. Diese Sackgasse habe ich vor 22 Jahren schon verlassen.

    Einen Gruß vom Niederrhein.

    Thomas Hoffmann

  10. Also Dramatico kann man wohl aus der Liste kicken, was da seit Katie Melua oder Jem verhökert sich ist gesquasht und verclippt wie Hölle.

  11. Pingback: Lautsprecher : Seite 2 : Danke Dir! In der Praxis ist es sicher anders jedenfalls hör...

  12. Danke. Die LINN CDs haben bewiesen, meine Anlage ist kein altes Eisen. Noch nicht.
    Damit gehe ich mir trotzdem morgen die 800 D anhören.

  13. Auch wenn Sie eher Klassik-Hörer zu sein scheinen: Auch Metalfans sind vom „loudness war“ genervt. Das Label Earache Records hat nun begonnen Klassiker als „Full Dynamic Edition“ geremastert herauszubringen. Ein löbliches Unterfangen, wie ich finde. Vielleicht sollten Sie Earache in Ihre Liste aufnehmen.

  14. Besten Dank für den freundlichen Hinweis Herr Dosch.
    Mit gutem Gruß aus Berlin an Sie.

  15. Ein immer noch aktuelles Thema. Mit Sicherheit kann ich im Blindvergleich nicht 320kb mp3 von flac unterschiden, aber im direkten Vergleich fällt ein ganz leicht verringerter Dynamikumfang der mp3s bei meiner Art Musik (Progressive Psytrance) doch auf. Warum sollte ich also nun auf mp3s zurückgreifen? Jeder der behauptet, 320kb mp3 reiche ihm aus macht damit den Markt für gute Musikproduktionen weiter kaputt. Wer braucht denn dafür schließlich noch gute Hifi Anlagen? Was geändert werden muss ist die Einstellung der ganzen Heranwachsenden, denen vorgegaukelt wird mp3 von youtube konvertiert reiche zum Musikgenuss über den vorwiegend genutzten Handylautsprecher oder die billige PC Soundkarte mit Logitröt Lautsprechern aus. Daher mein Appell an alle Eltern Macht da nicht mit. Bringt euren Kindern gut produzierte Musik, von hochwertigen Medien, abgespielt auf guten Stereoanlagen näher!

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