IFA 2014: Ein Kommentar

„1924 sahen mehr als 170.000 Besucher die eher nüchterne Präsentation ohne Glanz und Glamour.“ So beschreibt der entsprechende Wikipedia-Artikel die erste internationale Funkausstellung in Berlin. Seit dem sind 90 Jahre vergangen, die IFA gilt inzwischen als eine der traditionsreichsten Industriemessen Deutschlands und von einer nüchternen Präsentation kann nicht mehr im Ansatz die Rede sein. Ich bin aber sicherlich nicht der Einzige, der sich über ein bisschen mehr davon gefreut hätte.

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Das Unschöne zuerst

Stattdessen ist sie – die Nüchternheit – der totalen Reizüberflutung gewichen. Hinter jeder Ecke lauert eine Armada von Bildschirmen im Großformat, deren Qualität mithilfe knallbunter Filme und Animationen Nachdruck verliehen werden soll. Da müssen die angeschlossenen Surround-Systeme natürlich mithalten. Leider versuchen sie überwiegend mit Lautstärke Eindruck zu schinden, überzeugenden Sound findet man dagegen selten. Aber vielleicht geht er auch schlicht unter in übersteuerten Beats aus allen Richtungen, die einen auch gerne mal spontan anspringen während man sich plötzlich mitten in einer Tanzperformance wiederfindet, deren Zweck es ist einen neuen Mini-Lautsprecher zu bewerben. Hier und dort wird das Bild durch Moderatoren ergänzt, die mal ins Schwitzen geraten, weil das kleine aber eisern stumme Publikum in der Live-Sendung so gar nichts fragen will und an anderer Stelle wiederum perfekt choreographiert – natürlich vor einer riesigen Videoleinwand – die technologische Zukunft preisen. Da freut man sich doch über das stille Beisammensein von einigen ganz langweiligen Satellitenreceivern, die inzwischen immerhin auch in allen Farben des Regenbogens erhältlich sind oder über die wenigen Sekunden nachdem eine HiFi-Vorführung ihr Ende gefunden hat und die Tür der schalldichten Kabine noch nicht wieder geöffnet wurde. Es bleiben lediglich Sekunden, denn draußen wartet schon begierig die nächste Gruppe von Interessenten.

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Stopp. Denn obwohl das alles wirklich so gemeint ist, wäre es viel zu einfach über all das herzuziehen, sich zu verweigern und das war es dann. Bei aller Kritik darf man nämlich nicht übersehen, dass die IFA andererseits die hervorragende Möglichkeit bietet einen Eindruck davon zu gewinnen, in welche Richtung sich die Unterhaltungselektronik in den kommenden Jahren entwickeln wird. Gelingt es einem – in bester HiFi-Manier – das vor lauter Eindrücken entstehende Rauschen zu filtern, lassen sich diesbezüglich eindeutige Tendenzen ausmachen und es findet sich Beeindruckendes und Interessantes gleichermaßen.

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So waren zum Beispiel, ob als Pappaufsteller oder überlebensgroße Projektion, zwei Begriffe auf der IFA 2014 absolut omnipräsent: 4K“ und „HiRes Audio“. Der Trend unsere Sinne nach und nach mit immer höher aufgelösten digitalen Musik- und Videoformaten zu versorgen setzt sich also ganz offensichtlich fort. Letztere öffnen wiederum ganz neuen Displaydimensionen Tür und Tor, was vor allem LG und Samsung mit Riesenbildschirmen in neuster OLED beziehungsweise LCD/LED-Technik eindrucksvoll unter Beweis stellten. Hier sollte man vielleicht in Zukunft über eine andere Bezeichnung nachdenken, denn aus dem Begriff „Fernseher“ sind diese Modelle irgendwie herausgewachsen. Als wäre das noch nicht genug, lassen sich die Giganten auf Knopfdruck flexibel von „flat“ zu „curved“ und zurück biegen. Chapeau! Ob diese Größen jemals auch für den Massenmarkt produzieren werden steht wiederum auf einem anderen Blatt. Erfahrungsgemäß hat das durchschnittliche Wohnzimmer ja seine Grenzen. Wir halten aber fest, dass das derzeit gefragte und entsprechend von allen Herstellern bediente Curved-Design möglicherweise bald durch eine Entweder-Oder-Option abgelöst wird. Wobei einige Hersteller vorher vielleicht besser in Sachen Bildqualität noch etwas zulegen sollten.

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Ähnlich könnte auch ein gut gemeinter Rat an die Aussteller im Bereich Audio lauten. Obwohl auch hier selbstverständlich das Bekenntnis zu hohen Auflösungen in jeder Lebenslage und hervorragender Klangqualität hochgehalten wird, sieht die Realität bisweilen doch anders aus. Das liegt nicht so sehr an den mehr oder weniger hochauflösenden Dateiformaten selbst, sondern viel mehr an den Wiedergabebedingungen. Denn es lässt sich bei vielen Anbietern eindeutig eine Tendenz zur Miniaturisierung der Komponenten feststellen, die darüber hinaus häufig mit ausgefallenem Design einhergeht. Das hier Sound auf der Strecke bleibt, ist bei aller Ingenieursleistung physikalisch unvermeidbar und ein „Für die Größe klingt das ja eigentlich ziemlich gut“ heißt leider noch nicht, dass es gut klingt. Der ungebrochene Trend Musik via Computer, Mediencenter oder Onlinedienst zu streamen, trägt sicherlich seinen Teil dazu bei. Als Designerobjekt getarnt, teilweise sogar vollständig von Kabeln befreit und als flexibles und erweiterbares System konzipiert, das den Spagat zwischen Surround-System, Stereobetrieb sowie Partybeschallung meistern soll, kann man sich hier und da dem Eindruck nicht erwehren, es wurde einfach zuviel gewollt. Anders als bei den Fernsehern, bei denen relativ klar ist wohin die Reise geht, bleibt es bei der Musik also spannend. Denn wie sie zukünftig über welche Endgeräte gehört wird, welche Quellen, Formate oder möglicherweise physischen Tonträger dabei eine Rolle spielen und inwiefern Soundqualität überhaupt noch ein entscheidendes Kriterium für den breiten Markt ist, scheint offenbar keinesfalls ausgemacht.

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Da ist es doch irgendwie beruhigend zu sehen, dass zumindest aktuell die klassischen Komponenten zum Übereinanderstapeln und ins Regal stellen immer noch existieren. Scheinbar unbeeindruckt von den jüngsten Irrungen und Wirrungen beim Thema Musikwiedergabe setzen viele der einschlägigen Hersteller auch 2014 auf unaufgeregtes und zeitloses Design, sind aber natürlich unter der Haube up-to-date. Das könnte man auch Understatement nennen und so wundert es fast nicht, dass bei den Experten für Klang und Lautstärke die eingangs angesprochene nervtötende Hintergrundbeschallung vergleichsweise moderat ausfällt. Abgesehen davon ist in jedem Fall auch erwähnenswert, dass Panasonic mit Technics einen neuen alten Mitbewerber ins Rennen schickt. Hier wird ganz klar auf zahlungskräftiges HiFi-Klientel abgezielt und es bleibt abzuwarten, ob das Experiment aufgeht. Die Demonstration hat jedenfalls einen positiven Eindruck hinterlassen.

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Natürlich soll das Thema Kopfhörer nicht vollkommen unerwähnt bleiben. Neben der Tatsache, dass die Parameter klein und groß, schlicht und bunt sowie billig und hochwertig nach wie vor das Koordinatensystem abstecken, gibt es aber allem Anschein nach nicht allzu viel Neues zu vermelden. Möglicherweise sind die Innovationen hier aber auch einfach nicht durchgedrungen. Denn selbst den lautesten Kopfhörer muss man erst einmal aufsetzen, bevor man etwas zu hören bekommt. Angenehm eigentlich, dass man da wenigstens eine Wahl hat.

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Am Ende hinterlässt die IFA 2014 also einen gespaltenen Eindruck. Das liegt weniger daran, dass Messe und Hersteller nicht substanziell einiges zu bieten gehabt hätten, sondern viel mehr an der Art der Präsentation, die in vielerlei Hinsicht häufig einfach als kontraproduktiv bezeichnet werden muss. Anstatt die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Stärken ihrer Produkte zu fokussieren, malträtieren zu viele Aussteller nach allen Regeln der Kunst den Sinnesapparat desselbigen bis zur unausweichlichen Kapitulation. Böswillig formuliert könnte man glatt den Eindruck bekommen es herrsche die Annahme, dass „die“ – also wir – sonst sowieso nichts mehr merken.

So, jetzt sind Sie dran. Haben Sie die IFA 2014 besucht? Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen? Was hat Ihnen besonders gefallen? Was ist Hype und was bleibt? Wir freuen uns selbstverständlich über Ihre Einschätzungen und Kommentare!

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

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