Die Zukunft des Radios

Das nachfolgende Interview mit FFH-Chef Hans-Dieter Hillmoth, durchgeführt von Florian Schwinn vom Broadcast Magazin CUT, ist zugegebenermaßen nicht mehr ganz taufrisch. Am Sachverhalt als solchem, nämlich der empfundenen Ungewissheit im Hinblick auf die Zukunft des Radios aus Sicht eines Betreibers, hat sich nichts Wesentliches geändert, bis auf viele Frage- und Ausrufungszeichen. Dies gilt gleichermaßen für uns, die Benutzer. Bezüglich der Endgeräte setzen Hersteller wie Naim weiterhin auf Funktionsvielfalt: Gedacht sei z.B. an Naims Geräte wie den UnitiQute 2, Uniti 2 oder den ND5 XS (bestückbar mit UKW-/DAB-Modul).

Digital ist die Zukunft – und die Quote

FFH-Chef Hans-Dieter Hillmoth über den bevorstehenden Umbruch der Radiolandschaft, noch mehr Programme und neue digitale Distributionswege.

„Wir wissen alle nicht, ob und welches Endgerät sich der Hörer in der digitalen Zukunft zum Radiohören zulegen wird, doch da wo die Hörer sind – da muss auch Radio hin,“ sagt Hans-Dieter Hillmot, Senderchef von HITRADIO FFH. Für Hillmoth muss Radio mitexperimentieren, auch wenn das erst mal eine Stange Geld kostet. Zum Umbruch der Radiolandschaft gibt es weiterhin viele offene Fragen.

Schwinn: Haben Sie Angst um das Radio, Angst vor der Zukunft?

Hillmoth: Ich glaube, dann dürfte man in den Medien überhaupt nicht arbeiten. Unser Tun ist ja ein sehr vorwärts gewandtes. Also nein: Angst habe ich nicht, aber es gibt natürlich viele Fragezeichen für die Zukunft. Ich glaube, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren sich das Radio so stark verändern wird wie nie in der Geschichte.

Schwinn: Das Radio, wie wir es kennen, wird es gar nicht mehr geben?

Hillmoth: Das glaube ich eher nicht. Es wird noch vorhanden sein, aber ergänzt um neue Dinge: zum Beispiel um nationale Formate. Es wird ergänzend spitzere, engere Programme geben, die sich bisher auf Landesebene nicht gelohnt haben, die man aber national anbieten kann. Und es wird sehr viele und neue Interaktionsmöglichkeiten über die neuen digitalen Techniken geben. Also begleitendes Material – ob das nun Videos sind, Bilder, Texte – viel mehr, als bisher schon über Internet parallel zum Radioprogramm möglich ist. Und das Radio der Zukunft wird nicht „den“ einen Hauptverbreitungsweg haben – wie derzeit UKW, der zu 90 Prozent unsere Reichweite generiert – sondern Radio muss da hin, wo die Hörer sind. Und das heißt: auf Endgeräte, wo möglichst viele Medien und Angebote konzentriert zu finden sind.

Schwinn: Auf das Handy?

Hillmoth: Beispielsweise. Mit dem Handy kann ich ins Internet, ich kann Radio hören, fernsehen, mailen, telefonieren. Kein Mensch wird sich noch eine Extrakiste fürs Radio ins Wohnzimmer stellen. Man wird Endgeräte bevorzugen, die klein und mobil sind und auf denen möglichst viele Angebote zu finden sind. Natürlich auch Radio.

Schwinn: Wenn man mit dem Handy alles machen kann, braucht man dann noch Radio? Man kann sich ja auch sein Unterhaltungs- oder Informationsprogramm damit zusammenstellen.

Hillmoth: Das klingt sehr flott, aber die Lebensrealität zeigt, dass sich viele von uns – glaube ich – auch in Zukunft unterhalten lassen wollen. Die meisten möchten ein Angebot konsumieren, statt es selber herzustellen. Vielleicht fünf bis maximal zehn Prozent wollen sich ihr Programm selber zusammenstellen. Aber ich glaube, dass „Rundfunk“ auch in Zukunft eine Chance hat. Und da bauen wir nicht nur auf die Bequemlichkeit der Leute. Das Problem ist doch schon heute: Um alle schönen technischen Features zu nutzen, fehlt uns schlicht die Zeit. Wie viele der Möglichkeiten des Handys nutzen wir denn wirklich? 25 Prozent vermute ich.

Schwinn: Gilt das auch für Musikangebote?

Die neue digitale Vielfalt bei FFH - zwölf Webradios für jeden Geschmack.Die neue digitale Vielfalt bei FFH – zwölf Webradios für jeden Geschmack.

Hillmoth: Klar! Ich kann ja jetzt schon mein Musikprogramm zusammenstellen. Es gibt einige, die längst ihr eigenes Internetradio machen. Und das ist auch gut so, um mit einem bekannten Berliner zu sprechen. Aber die Nutzung ist verschwindend gering. Deshalb: Radio bietet auch künftig für viele Unterhaltung und Information, ohne dass sie selbst Radiomacher werden müssen.

Schwinn: Aber die Podcaster und Internetradiomacher professionalisieren sich und werden vielleicht ernsthafte Konkurrenz.

Hillmoth: Radiomacher, die glauben, dass sie alleine im Markt bleiben, sind schon gescheitert. Ich kann ja jetzt schon via Internet Tausende von Radioprogrammen empfangen. Und sicherlich wird es den ein oder anderen geben, der mal fünf Minuten in Radio Freies Honolulu reinhört, aber ich bin mir ganz sicher, dass lokale, regionale und landesweite Radio-Marken gerade in Zukunft bei der Orientierung im Mediendschungel helfen werden. Das klingt jetzt ein bisschen wie das Pfeifen im Wald – aber die Erfahrung auch aus anderen Märkten zeigt, dass da viel Wahres dran ist. Das freut uns natürlich. Trotzdem dürfen wir nicht selbstgefällig weiter unseren bisherigen Stiefel machen – sondern müssen neue Angebote kreieren, die es so bisher nicht gegeben hat. More of the Same – das wird in Zukunft nicht mehr funktionieren.

Schwinn: Ist die Chance die Regionalität – trotz oder wegen des globalen Internets?

Hillmoth: Natürlich. Wir fliegen im Urlaub rund um die Welt, wir sehen TV aus China, wir hören im Internet den Latinosender aus Havanna. Da spielt Nähe und „Heimat im Radio“ eine besondere Rolle. Und Nähe drückt sich nicht dadurch aus, dass ich die neueste CD von Madonna aus Kassel einspiele und höre, sondern Nähe drückt sich durch Interaktion mit dem Hörer aus, durch regionales Wort. Überhaupt durch Wort! Auch durch Moderatoren, die wissen, für wen und für welche Region sie senden. Das ist – auch bei allen nationalen Angeboten, die kommen werden – der große Vorteil lokaler, regionaler und landesweiter Programme, dass sie einfach diese Nähe bieten, die man vom Radio gewohnt ist, und die man sicher noch ausbauen kann.

Schwinn: Was die WAZ-Mediengruppe gerade gemacht hat mit ihrem neuen Internetportal „DerWesten“, ist also richtungsweisend?

Hillmoth: Das ist eine Möglichkeit. Bei der WAZ-Gruppe steht sicherlich im Vordergrund die Rationalisierung und Koordination der vielen Angebote, die sie im Zeitungs- und Broadcastbereich hat (Anm. d. Red.: Die WAZ-Gruppe hält Anteile an über einem Dutzend Sender in NRW). Das betreiben wir derzeit auch: Wie kann man Synergien zwischen den Programmen und den Internetauftritten nutzen? Noch einmal: Die Nähe, auf der das alles fußt, ist sicherlich ein ganz wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu allerlei beliebigen Angeboten aus aller Welt – nicht nur bei den Zeitungen, sondern auch gerade bei uns – beim Radio.

Schwinn: In der etwas hitzigen Diskussion im Broadcastbereich ist derzeit immer wieder zu hören: Wer jetzt nicht ins Internet investiert, den wird man nach der Digitalisierung der Sendewege nicht mehr wiederfinden. Er wird untergehen in der Vielfalt der neuen Programme. Also: in welchen Distributionsweg investieren?

Second Life auf hessisch - FFH ist dabei!Second Life auf hessisch – FFH ist dabei!

Hillmoth: Das wissen wir alle nicht. Wir wissen nicht, ob und welches Endgerät sich der Hörer zulegen wird. Das hängt sicher davon ab, ob das Endgerät günstig ist, ob es mehr kann als das Stand-
alone-Radiogerät jetzt. Da wo die Hörer sind – da muss auch Radio hin. Ich kann im Moment auch nicht sagen: Ist es das Internet, ist es DVB-H beispielsweise? Das wird ja als nächstes kommen. Ist es DMB (DigitalMultimedia Broadcasting, Anm. d. Red.) im Band III ab 2009? Ich weiß es nicht. Ich glaube aber, dass man sich deshalb nicht auf die faule Haut legen kann und die Entwicklung einfach mal abwarten. Auch wir Radioleute müssen dabei sein und mitexperimentieren. Auch wenn das erst mal ’ne Stange Geld kostet. Und dann müssen wir irgendwann entscheiden, welche Wege genutzt und welche abgeschaltet werden.

Schwinn: DAB zum Beispiel?

Hillmoth: Das alte DAB kann man getrost abschalten. Ich würde den Namen nicht mehr in den Mund nehmen, der ist verbrannt.

Schwinn: Und wann entscheidet sich, was an- und was abgeschaltet wird?

Hillmoth: Eigentlich jetzt! Nach dem Scheitern von DAB in Deutschland haben wir jetzt vielleicht eine zweite Chance zur Digitalisierung des Radios. Die müssen wir dann aber gemeinsam nutzen. Das heißt: alle Marktteilnehmer – die Privaten, ARD, Deutschlandradio. Wir müssen zusammenstehen, wenn wir eine Chance haben wollen, Digitalradio dem Hörer schmackhaft zu machen.

Schwinn: Aber nicht, indem immer neue technische Verbreitungswege erprobt und eingeführt werden?

Hillmoth: Richtig, das wird zu teuer. Deshalb müssen wir überlegen, welche die drei oder vier Übertragungswege der Zukunft sein werden. Den einen wird es nicht geben, wir müssen uns aber auch vor technischer Kakophonie hüten. Es wird ja jetzt auch über HD-Radio – die Digitalisierung von UKW – geredet. Ich habe da ein flaues Gefühl. Wenn man jetzt noch einen Übertragungsweg forciert, wird es wirklich unübersichtlich und viele werden letztlich sagen: Na dann warten wir mal auf die nächste Entwicklungsstufe. Die Folge: Dann passiert erst mal gar nichts. Es muss aber jetzt etwas passieren, sonst verlieren wir in Deutschland beim Radio den Anschluss.

Schwinn: Also keine neue Baustelle?

Hillmoth: Bitte nicht! Da sind wir uns auch mit den Kollegen von der ARD einig. Wir schauen jetzt auf DMB in Band III und DVB-H, digitales UKW behalten wir im Auge. Bei DVB-H haben ja die Landesmedienanstalten entschieden, dass Neva – also Holtzbrinck und Burda – zusammen mit MFD die ins Auge gefassten Plattformbetreiber sind. Die Bundesnetzagentur hat T-Systems den Zuschlag für den Senderbetrieb erteilt. Da werden also im nächsten Jahr Angebote zu hören sein in Deutschland – davon vier Radioangebote. Wir haben uns mit Digital 5 (Konsortium aus FFH, Antenne Bayern, ffh, Antenne Niedersachsen, Radio Hamburg, Anm. d. Red.) um eine Lizenz bemüht. Wir haben uns zusammengeschlossen, weil wir wissen, dass es auch für große Sender schwierig sein wird, die nationalen Herausforderungen einzeln zu stemmen. Uns ist klar, dass es dauert, bis Endgeräte in großer Zahl im Markt sind und sich ein messbarer Erfolg einstellen kann, dass das lange Zeit ein Zuschussgeschäft bleiben wird. Aber: wir müssen dabei sein, um die Zukunft zu gestalten und nicht zu verpassen.

Schwinn: Bei steigenden Distributionskosten?

Hillmoth: Klar, dass unsere Kosten steigen, wenn wir immer mehr Verbreitungswege bedienen müssen. Deshalb wird man irgendwann Kosten und Nutzen der einzelnen Wege bewerten müssen. Für uns Private sind die zusätzlichen Digitalwege nur schwer zu refinanzieren, weil sich die Hörer durch neue Verbreitungstechniken nicht unbedingt vermehren. Der Aufwand pro erreichtem Hörer steigt. Die Öffentlich-Rechtlichen können da gelassen rangehen. Sie schicken der KEF einen Brief: Hier sind neue Übertragungswege, die wir nutzen wollen – dafür brauchen wir Geld. Und natürlich wird die KEF dann irgendwas bewilligen. Bei uns Privaten gehen die Aufwendungen zu Lasten des Gewinns, falls es den gibt.

Schwinn: Vielleicht lässt sich die Zahl der Hörer aber beim digitalen Senden doch vermehren, oder zumindest genauer feststellen?

Hans-Dieter Hillmoth - seit 1989 mit FFH auf Sendung.Hans-Dieter Hillmoth – seit 1989 mit FFH auf Sendung.

Hillmoth: Richtig. Beim digitalen Senden kann man sehr genau und einfach feststellen, wie oft und wie lange die Angebote genutzt werden. Im Internet kann man das jetzt schon. Und wir fordern – da ist die ARD noch etwas zögerlich – auch bei den neuen digitalen Endgeräten eine Adressierbarkeit. Dann sieht man, wie viele Hörer da sind und wo. Und es gibt dann ganz andere Möglichkeiten der Marktforschung und der Darstellung der eigenen Leistung.

Schwinn: Dann wird die Quote konkret und nachvollziehbar. Das Ende der MA, der Media Analyse?

Hillmoth: Nicht das Ende einer unabhängigen Überprüfung der Quote. Aber die bisherige Methode der direkten Befragung ist dann sicher obsolet. Niemand muss mehr direkt befragt werden, wenn wir feststellen wollen, wie viele Endgeräte wie lange eingeschaltet sind. Aber man braucht natürlich eine neutrale unabhängige Instanz, die dafür garantiert, dass die Quoten für alle gleich berechnet und überprüfbar herausgegeben werden.

Schwinn: Arbeitslose Marktforscher?

Hillmoth: Nicht in den Sendern, die ja längst alle ihre eigene qualifizierte Medienforschung haben, die zusätzlich zur MA stattfindet. Und die allgemeinen gültigen Zahlen müssen auch in der digitalen Sendewelt treuhänderisch verwaltet werden. Allerdings müssen sie dann wohl nicht mehr am Telefon von ausgewählten Hörern aus der Erinnerung abgefragt werden. Wie soll das auch gehen, wenn aus den derzeit 350 Radio-Angeboten in Deutschland mehrere tausend geworden sind.

Schwinn: Was jetzt schon digital gesendet wird, kommt in der MA ja gar nicht vor.

Hillmoth: Das wird im Moment nicht erfasst, was sicher nicht so bleiben kann. Wir selbst haben Zahlen zur Nutzung unserer digitalen und Internetangebote, die sind kräftig steigend. Wir bemühen uns gerade um eine transparente Darstellung – auch gemeinsam mit unserem Vermarkter RMS -, damit auch Angebote für die Werbewirtschaft erstellt werden können.

Quelle: „CUT – das broadcast-magazin“ (www.cut.biz), Ausgabe 11/2007. Florian Schwinn ist Chefredakteur von CUT.

 

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